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18. Dezember 2014

Delitzsch wird "autofreundlich" - weichen müssen dafür große, alte Bäume am Straßenrand


Delitzscher Bürgerinitiative protestiert gegen unbedachte Baumfällungen.

Delitzscher Bürgerinitiative protestiert gegen unbedachte Baumfällungen.

In Delitzsch häufen sich die Fällungen gesunder großer Altbäume. Jüngstes Beispiel sind Fällungen alter Linden in der Bitterfelder Straße. Aus Protest hat die Bürgerinitiative eine Mahn- und Gedenkaktion veranstaltet.

Bereits 2013 anlässlich der Fällung von Bäumen im Wallgrabenbereich in Delitzsch wurde die BI mit dem oben abgebildeten Plakat aktiv.

 

Dr. Dietmar Seifert, Mitstreiter der Bürgerinitiative schreibt:

"Es bedarf nur noch weniger grundhafter Instandsetzungen der Delitzscher Straßen, dann wird sich die Stadt den Titel eines 'autofreundlichen Mittelzentrums' verdient haben. Ob sie dann noch menschenfreundlich sein wird, muss man freilich bezweifeln, wenn man die Ergebnisse des letzten Kettensägen-Infernos hilflos betrachtet.
Ein gesunder Baum nach dem anderen wurde in der Bitterfelder Straße dem Autowahn geopfert und im 'Technischen Ausschuss' des Stadtrates konnte sich gerade ein Mitglied zu einer schüchternen, schnell vom Tisch gewischten Anfrage durchringen, ob man nicht einige Bäume stehen lassen könne.

Mit einer gewissen Skepsis habe ich im Fernsehen verfolgt, dass Deutschland sich verpflichtet hat, den Kohlendioxidausstoß um 40 Prozent zu senken. Wenn sich alle städtischen Behörden wie die in Delitzsch verhalten, wird wohl Deutschland eher das Ziel erreichen, den Sauerstoffausstoß um 40 Prozent zu senken. Da werden gesunde Linden mit einem Umfang von mehr als zwei Metern bedenkenlos gefällt. Ein solcher Baum produziert erhebliche Mengen Sauerstoff und verbraucht große Mengen Kohlendioxid. Haben das die Straßenplaner bedacht?
Als wir zur Wende mit Besuchern aus den alten Bundesländern durch unsere Straßen gingen, haben sie sich bei aller Verwunderung über den allgegenwärtigen Verfall doch über die vielen Straßen- und Alleebäume gefreut, die in den alten Bundesländern vielfach geschwunden waren. Inzwischen haben wir wenigstens in dieser Frage Westniveau erreicht!

Aber 'Zuerst stirbt der Baum, dann stirbt der Mensch'. Das sollten auch die allzu schweigsamen 'Bewahrer der Schöpfung' bedenken, die wie die vielen anderen wegschauen, wenn Gottes Welt in eine öde Asphaltwüste verwandelt wird. Bunt aufgeputzte Häuser, geduschte Stadtmauern, Schlösser und Kirchen sind angenehm anzuschauen, schnittige Autos sind gut zu fahren. Aber man sollte ihnen nicht unsere Lebensgrundlagen opfern."

 

Zur grundhaften Sanierung der Bitterfelder Straße in Delitzsch schrieb Dr. Seifert folgenden Leserbrief:

"In den kommenden Monaten, so heißt es, ist eine grundhafte Sanierung des südlichen Teiles der Bitterfelder Straße geplant, da entsprechende Fördermittel zur Verfügung stehen. Diese zunächst einmal erfreuliche Nachricht wirft jedoch eine Reihe von Fragen auf. Wird sie am Ende so steril aussehen wie ihr nördlicher Teil, das heißt, werden zunächst einmal all die schönen Linden rücksichtslos und ausnahmslos gefällt, die die Straße so angenehm beschatten? Das wäre dann ein weiterer Schritt auf dem Wege zur Baumlosigkeit der Delitzscher Straßen.

Die Ersatzpflanzungen auf irgendwelchen Freiflächen sind nur ein sehr schwaches Trostpflaster, denn sie brauchen Generationen, um eine entsprechende Größe zu erreichen und sie stehen nicht dort, wo die Menschen ein angenehmes Mikroklima brauchen.
Wenn man sich doch zur Pflanzung entschließt, wie in der Eilenburger Straße, werden die Bäume in der Regel in so enge Behältnisse gepresst, dass sie wie die langen „Kerls“ des Soldatenkönigs in die Höhe schießen und kaum Schatten spenden.

Priorität hatten hier natürlich auch die Autos und nicht die Menschen. Ist so etwas vorgesehen auf den immer noch nicht bepflanzten Flächen im Nordteil der Bitterfelder Straße?
An der Ecke Bitterfelder Straße/Marienstraße hatte man ja eine wunderschöne riesige Buche zunächst fachgerecht gepflegt und beschnitten. Das hätte man sicher nicht getan, wenn die Standfestigkeit des Baumes gefährdet gewesen wäre. Dennoch wurde er sofort „entnommen“, wie man die Baumfällung im Amtsdeutsch heute bewusst verharmlosend nennt, als man mit dem Bau des Mehrgenerationenhauses begann. Diese Buche hat mehrere Generationen gebraucht, um seine beeindruckende Größe zu erreichen, und sie hätte noch mehreren Generationen als Schatten-, vor allem aber als Sauerstoffspender dienen können. Die sogenannte „Verkehrssicherungspflicht“ war sicher nicht der Grund für die „Entnahme“ dieses Baumes. Ich selbst habe mich überzeugt, dass der Stamm völlig gesund war.

Übrigens hat man die Absperrung des Fußwegs um die Baustelle des Mehrgenerationenhauses auf so fahrlässige Weise vorgenommen, dass sie eine erhebliche Gefährdung der Passanten darstellt. Hier glaubt man, mit wenigen Hinweisschildern für ausreichende Sicherheit gesorgt zu haben.
Natürlich ging es darum, die zugesagten Fördermittel möglichst schnell und effektiv einzusetzen. Da drückt man gern ein Auge zu. Wenn es um die Standsicherheit eines Baumes geht, wissen Praktiker und Juristen ganz andere Bedrohungsszenarien aufzubauen. Den Projektanten und Baufirmen ist vor allem die Baufreiheit wichtig. Dann zählen meistens nur die gewohnten und bequemen Denkmodelle. Deshalb wurde, so ist zu vermuten, die Buche vor dem Mehrgenerationenhaus geopfert.

Leider muss man fürchten, dass es bei der grundhaften Instandsetzung des Südteils der Bitterfelder Straße nicht anders zugehen wird. Am Ende wird man noch froh sein müssen, wenn dabei nicht solche Verheerungen angerichtet worden sind, wie dies bei der noch nicht abgeschlossenen Kanalisierung des Loberlaufs geschehen ist.“


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